Dez 15 2017

Ermutigungspädagogik im Kinderhausalltag

Veronika | Kategorie: Ermutigungspädagogik | 0 Kommentare

Folgen Sie uns auf facebook (”Telos-Gesellschaft”): Fast jeden Freitag “Aus dem Alltag einer Ermutigungspädagogin” (Veronika Seiler) - zum Nachdenken, zum Schmunzeln - und immer mit “ermutigendem Hintergrund”.

    Was ist das Besondere am Telos®-Ermutigungspädagogik-Konzept?

1. Gemeinschaft
Im Telos®-Kinderhaus leben wir sehr bewusst die Gemeinschaft und vermitteln den Kindern atmosphärisch ein grundsätzlich annehmendes Gemeinschaftsgefühl: Nicht nur im Kinderhaus (Krippenkinder – Kindergartenkinder – PädagogInnen) sondern weit über dessen Grenzen hinaus: Eltern; Menschen aus der Gemeinde (Kindergartenkinder des anderen Kinderhauses, Schulkinder, Hortkinder, Senioren des Vereins füreinander, Ehrenamtliche des Flüchtlingshelferkreises, …); Kinderhäuser bundesweit über „Kindergarten-im-Kindergarten“; die Natur mit allen ihren sichtbaren und unsichtbaren Lebewesen und HelferInnen; Mutter Erde mit all ihren Bedürfnissen, Ansprüchen und ihrer großen Dialogbereitschaft.

2. Ziele
Wir gehen davon aus, dass jeder Mensch bewusste und unbewusste langfristige und kurzfristige Ziele verfolgt: „Lebensstil“ und „Vier Nahziele“. Diese leiten jegliches Verhalten.

3. Ermutigung = Verknüpfung von Gemeinschaft und Zielen
Ein Kind, das sich nicht in der Gemeinschaft aufgehoben fühlt, macht auf diese seine Not aufmerksam (Nahziele). Ermutigung hat zum Ziel, das Selbstvertrauen des Kindes so zu stärken, dass es über eigenes evtl. Unvermögen hinwegsieht: Somit hat es „Mut“ und ist in der Lage, einen für es persönlich guten Weg zu finden, der es ihm ermöglicht, seinen sachlich richtigen Beitrag (im Sinne des guten menschlichen Miteinanders) in der Gemeinschaft mit zu tun.

Fettgedruckte = Fachbegriffe aus der Individualpsychologie (Alfred Adler, Rudolf Dreikurs, …)

    “Pädagogisches” aus unseren (nahezu) wöchentlichen E-Mails an die Telos-Eltern:

    # “Wie sich Streß überträgt… und sich dieser vermeiden lässt” - habe ich mich heute wieder einmal nach dem Waldtag/Spaziergang gefragt. Wir sind heute mit den Kindern “zu den drei Tannen” spaziert. Leider war auf der Ammerseestraße sowohl beim Hin- als auch beim Rückweg ein extrem hohes Verkehrsaufkommen. Gefühlte 50 Autos mussten wir an uns vorbeiziehen lassen… Natürlich haben die Kinder gut mitgemacht. Natürlich sind sie am Straßenrand gestanden und haben gewartet. Dennoch: Die ersten Autos wurden mit “AUTO!!! AUTO!!! AUTO!!!…” empfangen (bis ich um Ohrenschutz bat). Kinderarme streckten sich vor, um die Autos (so wie ich das tue) abzubremsen. Bleibt das Kind stehen, wenn der Arm vor geht???? Müde, wartende Kinder, hockten sich nieder, wackelten… beginnt ein Dominoeffekt, wenn sie umfallen? Fällt eines auf die Straße? Und dann wollten auch noch starke Kinder die schwächeren auf den Arm nehmen! Klingt alles so einfach. Jedoch merken manche Autofahrer einfach überhaupt nicht, wie Kinder eben sind und fahren viel zu schnell an der Gruppe vorbei! (Bei den anderen, langsam fahrenden möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken!)
    Meine Stimme wurde immer angestrengter, “strenger”, lauter, hektischer. Die Kinder immer wirrer, immer mehr in Aufruhr. Und dadurch die Situation immer unsicherer.
    Bis ich es merkte! Und endlich meine Notbremse zog: Atmen! Meiner Kollegin sagen, dass ich schon ganz wirr bin. Nur noch das Nötigste zu den Kindern reden. Die Luft um mich spüren. Den feinen Nieselregen bewusst geniessen.
    Meine Kollegin dirigierte daraufhin von der Mitte aus die ihr nahen Kinder ganz bewusst ruhig und heiter.
    Ich selber sagte mir, dass wir dann eben einfach später ins Kinderhaus zurück kommen.
    Und endlich waren wir wieder gesund im Haus.
    Fazit: Merken. Atmen. Sachlich kurz überlegen, was passieren könnte. Bewusst gegenlenken. Geht auch als Mutter (Vater) mit den eigenen Kindern - ich hab’s probiert :-). (Mehr dazu in “WUNDER-Punkt, Die Wut auf das Kind als Sprungbrett zu Harmonie und Frieden in der Familie”, Veronika Seiler) (Veronika Seiler, 23.10.2015)

    # “Ob der Glauben nun wahr oder falsch ist, er wird immer zu den entsprechenden Resultaten führen.” (Paracelsus). Dies entspricht der Grundidee der Individualpsychologie (Ausgang unserer Ermutigungs-Pädagogik): Ein Kind sagt von sich: “Ich kann das nicht.” Wir sehen: Das Kind verweigert einfachste Aktionen - denn es glaubt ja, dass es diese nicht kann. Wir Pädagoginnen überlegen uns: “Was hat das Kind zu dieser (irrigen) Annahme verleitet? Wozu!? Welchen Nutzen hat es davon?” Hier setzt die Ermutigung an: Wir spüren mit dem Herzen des Kindes. Wir schauen im Kleinsten, wo wir das Kind etwas TUN sehen. Dies sprechen wir anerkennend an. Ganz normal, jedoch immer wieder. Wir machen uns gegenseitig darauf aufmerksam - so, dass das Kind unser Gespräch hören kann. Ganz kleine Handlungen kann das Kind - wir Erwachsene sehen dies, das Kind vielleicht nicht (denn es glaubt ja daran, es nicht zu können). Mit viel Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen zeigen wir dem Kind nach und nach, dass sein Glaube (es nicht zu können) ein Irrtum ist… (Veronika Seiler, 9.10.2015)

    # Heute am See beim Polizeibad. Ein Kind steht am Steg und schaut hinunter. “Soll ich springen?!” (auf den Kies.) Veronika: “Wenn du es dir zutraust.” - “Hmmm”. Das Kind schaut, prüft, fragt andere Kinder “Springst du?!” - Die Kinder schauen, prüfen. Es ist schon hoch… die anderen Kinder wollen nicht springen - Die Praktikantin schlägt vor: “Setzt dich doch auf den Popo, dann ist es nicht so hoch.” Das Kind setzt sich auf den Popo. Schaut… es ist immer noch hoch. “Darf ich springen?!!!” - Veronika: “Natürlich. Wenn du es dir zutraust. Mir wäre es zu hoch. Ich spring nicht gerne von so weit oben.” - “Könnte ich mir weh tun?” - “Vielleicht” - “Ich könnte bluten.” - “Mhm.” … Die Prüferei zieht sich in die Länge, ernsthaft wird abgeschätzt. Schließlich zieht das Kind ab - ohne zu Springen. Plötzlich sehe ich es an der Mauer zum “Strand”. Mit weit hochgehobenen Armen und einem Lachen auf dem Gesicht springt es herunter. “Schau! Ich bin gesprungen!” Stolz! Mut! Freude!
    Kurz darauf ein etwas älteres/größeres Kind, das wohl die Test-Phase am Steg beobachtet hat. Es schaut vom Steg hinunter. “Darf ich springen?” - Veronika: “Klar, wenn du es dir zutraust.” Sofort setzt es sich auf den Popo, wirft seine Stöcke zuerst hinunter, springt hinterher. Voller Freude. Und nochmal. Und nochmal… dann auch aus dem Stand.
    Hätte ich es verboten, wäre den Kinder eine Möglichkeit genommen worden, selber zu erkunden, selbständig ihre Fähigkeiten einzuschätzen, ihre eigenen (körperlichen) Grenzen auszuloten… Aber Mut gehört schon dazu, sowohl vom Kind als auch von der Erwachsenen. Vorab habe ich mir klar gemacht, was als Schlimmstes passieren könnte: Nun ja, vielleicht ein verknaxter Fuß? Eine Schramme? Auszuhalten… Viel Freude beim Experimentieren!! (Veronika Seiler, 2.10.2015)

    # Heute hat es geschneit! In ganz dicken Flocken! Wie schön. Die Kinder standen aufgereiht an der großen Fensterscheibe im Spielzimmer. “Es schneit! Es schneit!” Lange Zeit schauten sie dann staunend, still, vertieft… Dann begann ein lustiger “Schneetanz”, sie klopften an die Scheibe, jubelten, tanzten gemeinsam in einer Reihe! Welch eine Freude. Nach einiger Zeit: “Veronika! Es hat aufgehört! Wann schneit es wieder?! Können wir nachher Schlitten fahren?! Warum schneit es nicht mehr? Ich will, dass es schneit!!!” Später, beim Abholen, einige Eltern: “Oh Mist, ich hab noch gar keine Winterreifen drauf!” Und meine Gedanken: “Oh je, meine Zimmerpflanzen stehen noch im Garten…!”
    Welch ein Unterschied. Hier die direkte Freude am Hier und Jetzt, dort die sachliche Überlegung aufgrund von Tatsachen und Notwendigkeiten. Aber trotzdem: Sollten wir uns nicht an unseren Kindern ein Beispiel nehmen und die “schlichte Freude” in uns eindringen lassen? Und einfach mal nur genießen? Und ein “Erster-Schnee-Fest” feiern? Nachdenken und planen können wir nachher noch… (Veronika Seiler, 16.10.2015)

    # Einfach da sein…. Nach einer langen Gartenzeit gehe ich zu einem Mädchen, dass gerade so ganz still dasteht. Ich frage: „XY, wie geht es dir?“ – Keine Antwort – Ich gehe in die Hocke, fasse behutsam die kleine Hand. „Was spielst du denn?“ – Keine Antwort. Das Mädchen schaut still in die Gegend. So bleibe ich stehen und schaue mit. Ich halte behutsam die kleine Hand und streichle mit dem Daumen darüber. Nach einiger Zeit schlafen mir meine Beine ein – jedoch: Die Kinderhand hält mich fest in dem Moment, in dem ich meine Beine „umbauen“ möchte. Also bleibe ich, wie ich bin. Wir stehen nebeneinander (ich in der Hocke), schauen in den Garten, schweigen, sie hält mich, ich streichle ihre Hand. Ich hoffe, dass meine KollegInnen alles im Griff haben – denn das Mädchen hat mich „im Griff“. Anscheinend genau das, was sie gerade braucht: Eine liebe Hand zum Festhalten. Meine KollegInnen begleiten alle anderen Kinder hervorragend, sodass ich mir viel Zeit nehmen kann: Mindestens 12 Minuten! Und gerade, als ich anfange darüber nachzudenken, wann es wohl genug ist – schwupp – lässt das Mädchen mich wortlos los, rennt zu ihren Freundinnen und spielt weiter. Genug aufgetankt.
    Auch das ist Ermutigung: Einfach da sein, wenn man/frau gebraucht wird. (Veronika Seiler, 15.12.2017)

    # Viel Platz – viel Kreativität – viel Gemeinschaft: Heute haben vier Jungs im Mehrzweckraum mit den Autos und einer alten riesigen Pappröhre gespielt. Es war wunderbar, den Spielverlauf zu beobachten. Erst haben die Kinder je vorne und hinten reingerufen und gelauscht: „Hörst du mich?“ . Dann haben sie etliche Male alle Spielzeug-Autos in die Röhre gestopft und anschließend die Röhre wieder ausgeschüttet: Was für ein Chaos - alle Autos am ganzen Boden verteilt. Dann wanderten sie, die Röhre gemeinsam tragend, mehrfach durch den Mehrzweckraum: „Kehrmaschine, Kehrmaschine“ war ihr gemeinsamer Ruf. Nach ein paar weiteren Auto-Schüttungen verkündete ein Junge bestimmt „Jetzt ist Schluss!“ und verräumte die Röhre. Nun waren aber immer noch die vielen Autos am Boden. Ein anderes meinte daraufhin: „Jetzt müssen wir die Aufräumglocke läuten!“ Nun, da es für diese noch gar nicht Zeit war, gab es kein allgemein-gültiges Aufräum-Signal…ein Kind war recht verzweifelt über das schier unüberwindliche Auto-Chaos am Boden. Bis wieder ein anderer verkündete: „Zusammen schaffen wir’s ganz schnell!“ Bis dahin hatte ich mich rausgehalten. Jetzt empfahl ich ihnen die Besen, um die Autos aufzukehren. Und tatsächlich: Nach einiger Zeit gemeinsamen Werkelns war alles wieder aufgeräumt!
    Kinder lieben Raum, Kinder lieben die Zeitlosigkeit, Kinder lieben es, sich zu entfalten. Und Kinder lieben auch die Ordnung und Klarheit. Und die Gemeinschaft. „Zusammen schaffen wir’s ganz schnell!“ – was für ein schöner Leitspruch für uns alle! (Veronika Seiler, 8.12.2017)

    # Gewaltfrei die Wutwand einreißen: Jungs spielen mit Matten, Bänken, Kuscheltieren und Decken. Plötzlich landet beinahe ein Holzklotz auf einem anderen Kind: „Das ist doch die Türe!“ gellt es durch den Raum. „Nein, die Türe ist hier!!“ – Bevor die beiden Jungs sich die Köpfe einschlagen, eilen wir herbei. Geschrei, Tränen, Unverständnis – Wut. Kein verbales Durchkommen unsererseits. Also: Warten. Beiden Jungs gleichzeitig über den Rücken streichen. Jegliche Diskussion jetzt unterbinden – denn sie hören sich nicht zu. Warten… Jetzt wird das Weinen weniger. „Wer hat Kraft?“ frage ich. „Ich!!“ sagen beide, einer etwas schneller. Also sage ich zu diesem: „Warte du mit deiner guten Kraft.“ – „Nein!!! Die Türe war da und…!!!!“ - Ich unterbinde sein lautes Geschrei, das endet mit: „Und du bist gar nicht mehr mein Freund!!!“ Ich höre weg und sage leise: „Jetzt ist anscheinend doch noch nicht die Zeit zum Reden. Wir warten noch.“ Der „Junge mit Kraft“ zieht sich heulend zurück – der andere bleibt etwas irritiert zurück. „XY kommt gleich wieder. Wenn er sich beruhigt hat und Kraft zum Reden hat. Jetzt ist die Wut noch zu groß.“ Wir Erwachsenen wenden uns im Raum anderen Dingen zu, sind aber ganz nah, um eventuell einzuschreiten, falls die körperliche Wut doch nochmal die Überhand bekommen sollte. Nein, das tut sie nicht. Im Gegenteil: „NN, bist du noch mein Freund?“ fragt der „Junge mit Kraft“. NN nickt. „Weil, die Türe war da.“ Und schon unterhalten sie sich einmütig, ruhig und sachlich über die Lage der Türe. Die Wut ist vorbei – ein gutes Gespräch möglich. Fast ganz ohne Hilfe von außen. Was haben wir ermutigendes gemacht? – Verständnis gezeigt – keine Lösung angeboten, denn wir kannten ja nicht die richtige Lösung – kein Kind bevorzugt oder gerügt – beide Kinder gleichwertig in ihrem Streit angenommen – beide wertgeschätzt und liebgehabt und dies körperlich (streicheln) zum Ausdruck gebracht. So haben wir der Wutwand Zeit gelassen, von alleine dünner zu werden, bis sie zerbröckelt ist. Nun war der Weg frei und das Kind konnte von sich aus seine Lösung finden, bzw. die Lösung des anderen anhören und annehmen. Was im Kleinen gelingt, kann doch auch im Großen gehen, oder?!! (Veronika Seiler, 24.11.2017)

    Manchmal ist es nicht ganz einfach, das “Besondere” (oder sollte man lieber sagen, das “Selbstverständliche”?!) an der Pädagogik des Telos-Kinderhauses zu beschreiben. Deshalb hier

      drei Beispiele aus dem Kinderhausalltag:

    1. Ermutigendes Eingewöhnen im Krippenalter
    Das Kinderhausjahr beginnt. Ein Kind soll in der Krippe eingewöhnt werden. Nach ca. einer Woche, in der es zunächst recht gut “geklappt” hat, wird klar, dass das Kind nicht so gerne mag… es beginnt mit immer stärkerem Weinen. Nach Gesprächen mit der Mutter und dem Team wird beschlossen: Da wir ein offenes Haus haben, wollen wir versuchen, das Kind im Kindergarten einzugewöhnen, wo es “spannende” Anregungen bekommt. Eine halbe Stunde spielt das Kind dank intensiver Beschäftigung und Anleitung durch eine Telos-Mitarbeiterin. Dann: Der immer wiederkehrende Weinanfall.
    Wie soll es weitergehen?
    Gespräche mit der Mutter machen klar: Das Kind ist anscheinend sehr eifersüchtig auf sein kleines Geschwisterchen. Das große Kind macht auf sich und seine “Not” aufmerksam! Wie können wir ihm Mut machen? Wie können wir auch der Mutter Mut machen?
    Ziel ist, dem älteren Kind vor allem auf der Gefühlsebene verständlich zu machen, dass seine Mutter es lieb hat, auch wenn sie sich nun um das kleine Kind kümmert (kümmern muss).
    Durch verschiedene visuelle Vorstellungsübungen im Team machen wir uns deutlich, dass seine Mutter es lieb hat, auch wenn es hier im Kinderhaus ist. Durch die Strategie “Aufhören, wenn es am schönsten ist” und dem vorzeitigen Abholen nach auch extrem kurzer Zeit gelingt es uns, dem Kind weiterhin Freude am Kinderhaus zu vermitteln. Und: Es klappt! Dank der Geduld der Mutter und des Teams können wir dem Kind vermitteln: Deine Mama hat dich lieb, auch wenn du bei uns im Kinderhaus bist. Wir haben dich lieb, so wie du bist. Das Kind hat nun Freude an der zunächst verkürzten Kinderhauszeit, die nach und nach ausgedehnt wurde.
    Individualpsychologische Schlagworte dazu: Gemeinschaft stärkt - Jeder Mensch ist ein Individuum und als solches in seinen Bedürfnissen ernst zu nehmen - jedes Handeln ist zielgerichtet: wir sind dazu aufgerufen, die (auch unbewussten) Ziele zu verstehen und darauf auf positive Art und Weise einzugehen…

    2. Vermeiden „übler Nachrede“ im Telos-Kinderhaus
    Ausgangslage:
    Wir bemerken, dass (ältere) Kinder andere Kinder „schlecht“ machen. Sowohl in deren Anwesenheit („Das kannst du nicht!“, „Du bist blöd!!“… ) als auch in deren Abwesenheit („Der/die xy ist immer so frech/böse/unfreundlich…“…).
    • Tatsache ist, dass dies nicht (mehr) der Fall ist.
    • Tatsache ist, dass die Kinder nicht bemerken, dass das „böse“ Kind sich verändert.
    • Tatsache ist, dass dies das „schlechte“ Verhalten verstärkt!
    • Tatsache ist, dass das „böse“ Kind in eine Rolle gezwängt wird, und es ihm erschwert wird, aus dieser Rolle herauszukommen!
    Schwierigkeit:
    • Wir vermuten, dass Kinder auch zu Hause „schlecht“ über diese Kinder reden und ihnen niemand Einhalt gebietet.
    • Wir vermuten, dass auch Eltern über andere Kinder (Menschen, Dinge) „schlecht“ reden.
    Denn: Es ist leider allgemein noch üblich, über negative Dinge lauthals zu reden.
    Ermutigung:
    • Grundsätzliche Vorgehensweise: Immer und überall die „üble Nachrede“ vermeiden: Sobald man etwas Ungutes über jemanden oder etwas sagen will – Mund zu. Das kann man lernen, wenn man sich selber immer wieder liebevoll daran erinnert.
    • Aktives Vorbild sein im „Vermeiden übler Nachrede“: Schweigen – weg gehen – weg hören – anderes reden.
    • Kinder liebevoll, sachlich und kurz das „schlechten Reden“ über andere unterbinden.
    • Ebenso ist es sinnvoll, das übertriebene „positive Reden über andere“ zu unterlassen. Dies schürt manchmal Neid.
    Wirkung:
    • Die gesamte Atmosphäre wird entspannter und friedlicher.
    Probieren wir es aus! Machen Sie mit?!
    Veronika Seiler, 02.12.14

    3. Gemeinschaft, logische Folge und mehr
    Donnerstag-Vormittag – Versammlung. Alle Kinder sitzen gut. L. kommt leider (zufällig) nicht dran beim Steine-legen (in der Mitte des Kreises) und beim Versammlung leiten. Beleidigt dreht er sich weg, schleicht nach und nach ganz weg vom Kreis zum Fenster hin, wie er das oft macht, wenn er enttäuscht ist und sich „zu kurz gekommen“ fühlt. Kinder und Erwachsene sind das schon gewöhnt.
    Viele Kinder erzählen schön. Unvermittelt legt sich M. (knapp 4) auf den Boden, statt auf seiner Bank sitzen zu bleiben.
    Veronika Seiler (Erwachsene, die die Versammlung leitet) spricht ihn an, dass das eine Sitzversammlung ist und er sich wieder setzen soll. „Nein!“ – „Doch.“ – „Nein!“. M. bleibt liegen.
    Veronika bietet ihm nach und nach ganz viele Wahlmöglichkeiten an. Weil M. sich nicht entscheidet, wählt sie immer eine Wahl davon. Es nützt jedoch nichts. M. schaut Veronika groß an – und bleibt liegen. Es droht sich ein Machtkampf zu entwickeln. Veronika will sich nicht in diesen verwickeln lassen!
    Veronika schaltet die Gruppe mit ein: „Was sollen wir denn jetzt machen?“
    Kinder: „ihn liegen lassen“ („aber es ist doch eine Sitzversammlung!“) – „Du sollst ihn auf den Platz setzten!“ („er ist doch groß und kann sich selber setzen!“) – „…“ – „ihn rausschieben!“ („er kann doch selber laufen!“) …
    Plötzlich ist L. wieder da und ruft: „Wir gehen raus!“
    Veronika ist erstaunt, überrascht – schaut Johanna (Erzieherin) an, die ebenso überrascht ist.
    Wir nicken, stehen wortlos auf, alle Kinder folgen wie ein Kind nahezu schweigend. Wir gehen einfach nach nebenan ins Spielzimmer und setzen uns dort in einen Kreis auf den Teppich und machen Versammlung weiter. M. bleibt einfach liegen! Obwohl es ihm niemand sagt! Alle Türen zwischen den Zimmern sind offen, Veronika kann M.s Gesicht von ihrem neuen Platz aus sehen. (Eine Kollegin schließt wortlos alle Türen und Fenster im Mehrzweckraum, wo M. liegt.) M. bleibt die ganze Versammlung lang liegen.
    Anschließend finden die Angebote statt. Johanna (Erzieherin) hat ihres im Mehrzweckraum, wo M. noch immer am Boden liegt. M. will bei ihr mitmachen. Johanna ruhig: „Das geht jetzt leider nicht, du warst ja nicht dabei, als ihr die Angebote wählen konntet.“ Sie führt ihn ins Spielzimmer, wo Svenja (Kinderpflegerin) ihr Angebot macht. Dort soll er sich auf den Teppich setzen. Erst sitzt er dort, dann steht er auf und will in der Puppenecke spielen. Svenja ruhig: „Nein, das geht jetzt nicht. Jetzt ist Angebotszeit und keine Freispielzeit. Bleib nur auf dem Teppich sitzen.“ Sie führt ihn wieder zurück auf den Teppich, wo er sich hinlegt und bitterlich (etwas gekünstelt) weint.
    Am Ende der Angebote macht er einfach wieder im Garten mit.
    Am nächsten Tag in der Versammlung: M. macht Quatsch. Johanna schaltet die Kinder mit ein, was sie jetzt tun sollen. Ein Kind meint (vielleicht, weil es mal die Erwachsenen diesbezüglich reden gehört hat): „Der M. ist immer so lange still in der Versammlung, bis er dran war mit Erzählen! Der soll jetzt mal erst am Ende dran kommen!“
    M. macht trotzdem Quatsch. Johanna sachlich: „Vielleicht machen wir lieber die Versammlung im Spielzimmer weiter?!“
    M. setzt sich augenblicklich ordentlich auf seinen Bankplatz und ruft erschrocken: „Nein!!“… und ist die ganze Versammlung über leise und ordentlich.

    Individualpsychologische Schlagworte hierzu:
    - Gemeinschaft – Wir – Gleichwertigkeit – logische Folge - Unterscheidung “Tat und Täter” = sofortiges Umschalten von der einen Aktion zur nächsten (als Person war M. uns willkommen und sehr liebenswert! Auch waren wir in keinster Weise “nachtragend”.) - atmosphärische Ermutigung - praktische Ermutigung - und vieles mehr.

    Was allerdings seltsam ist: Dass L. nicht in der Versammlung sitzen musste, M. aber schon… naja, die Menschen sind eben unvollkommen (auch die IP-geschulten Leiterinnen und pädagogischen Mitarbeiterinnen) – und das ist gut so. 

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